13. Oktober 2014

Kirgistan Teil 1 / Tag 139 - 159 / Wo die wilden Pferde wohnen

Liebe Mitreisende, zu allererst möchten wir uns bei Euch für die Vielzahl an Hilfs-Angeboten bezüglich der Übersetzung bedanken! Es ist toll zu sehen wie viele Menschen uns unterstützen und auf einen Hilfeaufruf reagieren! Wir haben wahrscheinlich schon ein Lösung gefunden und hoffen dass der Brief vom Anwalt die Spedition einschüchtert. Wir halten euch auch dies bezüglich auf dem Laufenden! 

Lang, lang ist’s her dass ihr etwas über Knut’s Abenteuern lesen konntet, ich weiß… 
Es ist einfach ständig was los und zugegebenermaßen sind wir obendrein auch ein klein bisschen faul geworden… 
Aber das Warten hat sich gelohnt! Jetzt, heute und hier gibt es endlich wieder Nachschub aus unserem Reisetagebuch, viel Spaß beim Lesen und Staunen. 


Ihr könnt euch sicher noch daran erinnern dass wir in Kirgistan erst mal in der Werkstatt campierten, um die Folgen des unglücklichen Auffahr-Unfalls reparieren zu lassen. Das ganze dauerte ziemlich lang, aber nach zehn Tagen können wir die Werkstatt endlich wieder verlassen und uns auf den Weg an den berühmten Bergsee „Issy Kul" machen. 
Der Kühler wurde zwar nur provisorisch geflickt und die Motorhaube musste noch poliert werden, aber Knut ist endlich wieder fahrtüchtig und heilfroh nicht mehr still zu stehen.



Den ersten Tag am See verbringen wir an einem Kite-Surfing-Strand, wo wir ein paar mutigen Draufgängern dabei zuschauen können wie sich bei frostigen Wassertemperaturen und schneidendem Wind an ihre Drachen hängen. Leider tummeln sich hier nicht nur Sportler sondern auch Millionen von kleinen, fiesen Mücken, die uns bei Dämmerung dazu zwingen Knut hermetisch abzuriegeln und den Sonnenaufgang durch’s Fenster zu betrachten. 

Vertrieben von den Blutsaugern finden wir Tags darauf einen noch viel schöneren Platz, einige Kilometer ostwärts. In der kleinen versteckten Bucht sind wir allerdings nicht die einzigen: zum ersten mal auf unserer Reise treffen wir auf einheimische Camper.


Die lustige russich-stämmige Familie aus Bishkek mit dem gelben VW-Bus hat sich schon häuslich am Strand eingerichtet. Mitsamt Wohnzimmer-Garnitur, Sonnensegel, Wodka Vorrat für eine kleine Armee und einem plärrenden Taschenradio das unermüdlich russische Partykracher und leiernde Elvis-Schlager zum Besten gibt. Bis spät in die Nacht hinein wird gesungen, getrunken und zum Radio gewankt - feiern können sie wirklich gut die Russen. 



Bevor wir uns am nächsten Morgen wieder aus dem Staub machen, darf Danny noch ein paar Schießübungen mit dem Luftgewehr der Russen machen. Sie sind recht beeindruckt von seinen Schießkünsten - hat er auf der Wiesn ja auch fleißig geübt. 



Unser nächstes Ziel ist der „Song Kul" - ein 3000m hoch gelegener Bergsee, einige Kilometer weiter südlich. In den Sommermonaten leben hier viele Nomadenfamilien in Jurten-Dörfern und kümmern sich um ihre Pferde, Ziegen und Schafe, genau so wie vor hunderten Jahren. 



Der Weg dorthin ist die reinste Qual für uns und Knut’s Stoßdämpfer. Es geht 50km über Waschbrett-Piste den Berg hinauf, schneller als Schrittgeschwindigkeit kommen wir nicht voran. Als es bereits anfängt zu dämmern biegen wir links ab und stellen Knut am Fluss ab, den See werden wir wohl erst morgen zu Gesicht bekommen. 


Doch allein schon die sattgrüne Flussebene war die beschwerliche Reise wert. Wo man hinschaut grasen Kühe und Pferde, im Hintergrund erstrecken sich goldglänzende Berge und bis auf ein paar Cowboys sind wir vollkommen alleine. Genau so haben wir uns Kirgistan vorgestellt!



Nach einer kalten Nacht und einem ausgiebigen Frühstück im Knie-hohen Gras rattern wir die letzten Kilometer den steilen Hang hinauf. 




Am See angekommen staunen wir nicht schlecht als wir uns einer Jurten-Siedlung nähern: doch nicht wegen der Hütten oder der vielen Pferde - sondern wegen einem riesengroßen gelben Truck der am Rande des Dorfes steht und ganz offensichtlich kein einheimisches Vehikel ist. 


Mit diesem Monster-Truck ist eine Gruppe Overland-Touristen auf dem Weg von Peking nach Istanbul. Die Crew die wir antreffen ist gerade damit beschäftigt das Mittagessen vorzubereiten und lädt uns prompt ein ihnen Gesellschaft zu leisten - gutes Timing würde ich sagen!
Der Truck kann bis zu 28 Mann durch die Gegend kutschieren, doch momentan besteht die Besatzung aus gerade mal 8 Reisendenden und den zwei Tour-Guides Grace und Malcom. 
Die meisten Teilnehmer haben nur eine Teilstrecke der Peking-Istanbul Route gebucht, dafür steigen in ein paar Tagen wieder neue Gäste ein. Geschlafen wird in dem Truck allerdings nicht: entweder die Gruppe schlägt ein Zeltlager auf, kommt in Hotels unter oder wie in diesem Fall in  ein paar Jurten. Für uns wäre diese Art des organisierten Gruppen-Abenteuers nichts, aber prinzipiell ist es doch eine tolle Alternative zu Pauschalreisen. 



Abends werden wir gleich wieder zum Essen eingeladen und bekommen das beste Hühnchen serviert dass wir seit langem gegessen haben: Malcoms famous beer-canned-chicken: Man nehme ein ganzes Huhn, massiert es hingebungsvoll mit Salz, Pfeffer und Gewürzen, steckt ihm eine volle, geöffnete Bierdose in den Hintern und setzt es anschließend in einen Topf. Dann darf das Hühnchen zwei Stunden lang über dem Feuer im Bierdampf schwitzen. Schmeckt himmlisch! (Kann man übrigens auch im Backofen machen). Als Nachspeise steuere ich einen Schokoladenkuchen bei, den ich in unserem super praktischen Camping-Ofen backe. Ein echtes Gourmet-Menü in der kirgisischen Hochebene; so lässt sich’s leben… 


Die kommenden zwei Tage genießen wir es sehr mit Menschen aus aller Herren Länder zu quatschen. So viele Touristen wie hier auf 3000m Höhe haben wir auf unserer ganzen Reise bis jetzt nicht getroffen.


Grace und Malcom erzählen uns von ihren Abenteuern als Reiseleiter. Seit über sechs Jahren arbeiten die beiden schon für die Overland-Company und waren hauptsächlich in Afrika unterwegs. Mit Reisen Geld verdienen - das klingt für viele erst mal nach dem absoluten Traumjob… Für eine gewisse Zeit ist es das wahrscheinlich auch, doch für die beiden sollte das die letzte „Geschäftsreise“ sein. Sie sehnen sich nach einem richtigen Zuhause, einem festen Freundeskreis und einem Minimum an Komfort. Schon nach sechs Monaten unterwegs können wir das gut nachvollziehen. 

Außerdem treffen wir Nadine aus Berlin, die eine ganz besonders enge Verbindung zu Kirgistan und dem Leben am Song-Kul hat. Zum wiederholten mal wohnt sie mehrere Wochen hier oben bei einer Nomadenfamilie, hilft mit dem Vieh und versorgt die Touristen die hier übernachten. Letztes Jahr hat sie den ganzen Sommer mit der Familie verbracht um einen Dokumentar-Film über das traditionell kirgisische Nomaden-Leben zu drehen. Wir fühlen uns sehr geehrt als sie uns die erste Szene vorspielt und Danny um seine professionelle Kritik bittet. Wir sind schon sehr gespannt wie der fertige Film aussehen wird und wünschen ihr alles Gute beim Schnitt! 


Am Nachmittag des zweiten Tages wird uns etwas ganz besonderes dargeboten: Kirgisischer Nationalsport, namens „Kok-Boru“ oder einfach Ziegenpolo. 
Dazu wird eine Ziege geschlachtet und Kopf und Beine vom Körper getrennt. 
So entsteht der „Ball“ um den sich dann zwei Teams regelrecht kloppen. 
Gespielt wird auf einem freuen Feld, ohne Begrenzungslinien, Schiedsrichter oder anderen einschränkenden Maßnahmen. 


Zu Beginn des Spiels wird der „Ball“ auf einem kleinen Teppich platziert, der gleichzeitig das Tor markiert. Die Reiter müssen die Ziege vom Pferd aus schnappen und klemmen sich den Kadaver dann unter ihr Bein, um es so gut wie möglich vom gegnerischen Zugriff zu schützen, die versuchen die Ziege in ihren Besitz zu bringen. Alle Techniken sind dabei erlaubt.


Ziel des Spiels ist es die Ziege möglichst oft zurück auf den Teppich zu legen, wer am Ende die meisten Tore erzielt hat gewinnt. 
Wir sind fasziniert, wie man aus Pferden und Ziegen ein Spiel machen kann. Nicht etwa, weil wir auf morbide Spiele stehen. Nein, hier oben gibt es nichts anderes als Ziegen und Pferde....


Nach dem Spiel wir die Ziege dann gekocht. Angeblich schmeckt das Fleisch vorzüglich weil es so gut „massiert“ wurde. Leider bekommen wir nichts ab vom Festschmaus, aber das Spiel aus nächster Nähe zu betrachten ist schon beeindruckend genug. 


Die Stimmung hier oben am See ist einzigartig schön. Stundenlang sitzen wir in der  Steppe und schauen in die schier endlosen Weiten. Dabei beobachten wir die Pferde die ebenfalls regungslos vor sich hin glotzen. Das Abendlicht wirft magisch lange Schatten und die Zeit scheint fast still zu stehen. 



Sobald die Sonne untergeht ist es als ob jemand die die Heizung abdreht, innerhalb weniger Minuten fällt das Thermometer auf frostige 5°C. Wir sind froh dass wir unsere Standheizung in der Nacht aufdrehen können. 


Am dritten Tag heißt es Abschied nehmen von all den netten Menschen die wir hier kennenlernen durften. Die Truck-Crew macht sich auf den Weg nach Süden, Nadine bleibt noch ein paar Tage bei ihrer Nomaden-Familie und wir wollen nach Kochkor um einen Teppich für das Warme-Füße-Gefühl im Knut zu ersteigern. In einem kleinen hübschen Laden werden wir auch gleich fündig und haben seitdem zwei traditionell kirgisische Woll-Teppiche im Bus die gute Dienste leisten. 


Auf dem Bazar stocken wir unsere Vorräte auf, bevor wir uns wieder auf den Weg in die Pampas machen. Diesmal folgen wir einem Tip von Nadine und fahren in’s „Shamshy-Valley“. Ein lang gezogenes Tal nördlich von Kochkor, in das sich eher selten Touristen verirren. Das zumindest lesen wir von den staunenden Gesichtern am Wegrand ab die uns ungläubig hinterher starren.  



Direkt am Fluss finden wir einen idealen Stellplatz, inklusive Feuerholz, Badestelle und Wanderpfad. Perfekt um zwei gemütliche Tage in trauter Zweisamkeit zu verbringen. 


Nur einmal bekommen wir Besuch von einem Bauern auf seinem Esel, der uns einen Eselritt verkaufen möchte - für unverschämte 50€ pro Person. Man kann’s ja mal versuchen… Esel-Poing war dafür umsonst. 


Leider müssen wir uns allmählich schon wieder von der prächtigen Natur-Idylle verabschieden und zurück nach Bishkek fahren. Dort haben wir noch das Werkstatt-Date und müssen uns um ein paar Visa für die Weiterreise kümmern. 
Wir entscheiden uns für einen etwas längeren, dafür abwechslungsreicheren Weg zurück in die Stadt. Auf der Straßenkarte ist die Route unter der Kategorie „Highway“ zu finden… 


Hoch hinaus führt der Weg auf jeden Fall und wir kommen über den höchsten Pass bis dato wo wir Brotzeit auf dem windigen 3600m hohen Gipfel machen. Die Qualität des „High-Ways“ lässt allerdings absolut zu wünschen übrig. Nach den ersten 70km endet der Asphalt und wir schleichen die nächsten 200km im Schneckentempo über holprige Sandpisten dahin. 



Dafür ist die Landschaft tatsächlich abwechslungsreich und wunderschön. Wir fahren durch tiefe Schluchten, über gelbe Hochebenen und an knallroten Canyons vorbei. 


Als uns klar wird dass wir Bishkek heute nicht mehr erreichen werden, parken wir Knut an einem Fluss und treffen dort auf zwei französische Radreisende die gerade mit einer kirgisischen Familie am Ufer picknicken. 


Die Franzosen haben ihre Zelte bereits aufgeschlagen und wollen wie wir am nächsten Morgen weiter in die Hauptstadt. Wir bieten ihnen eine Mitfahrgelegenheit an, doch weil sie echte Radler sind wollen sie die gesamte Strecke aus eigener Kraft zurück legen - was für Kerle.


Die Kirgisen machen sich kurz darauf aus dem Staub, der Vodka ist leer und die Männer müssen in’s Bett gebracht werde. Dafür gesellen sich noch 3 Russen zu uns, die ihre Angeln auspacken und zu verstehen geben dass es heute Abend Fisch für alle gibt.  
Zum zweiten mal innerhalb weniger Tage bekommen wir ein wahres Gourmet-Camping-Gericht vorgesetzt: kleine, fangfrische Forellen, gekocht in Zwiebel-Kartoffel-Sud. Dazu frisches Brot, Krabbenfleisch, Salat und natürlich Wodka im Überfluss. Es wird ein lustiger Abend mit dieser zusammengewürfelten internationalen Truppe. In einem Kauderwelsch aus Französisch-Deutsch-Russisch-Englisch unterhalten wir uns prächtig und stoßen viele male auf unser Treffen an.  


Vielleicht hängt der Schnaps den Radlern in der Früh noch in den Knochen, vielleicht hängen ihnen aber auch die dunklen Wolken zu tief am Himmel; auf jeden Fall erkundigen sie sich ob das Angebot der Mitfahrgelegenheit noch immer gültig sei. Wir haben ja schon Übung darin französische Fahrräder auf Knut’s Dach zu schnallen und im Handumdrehen sitzen wir mal wieder zu viert im Auto und rütteln weiter in Richtung Norden. 


Für die letzten 260km brauchen wir den ganzen Tag. Die Straße ist erst auf den letzten 100km wieder asphaltiert.


Endlich in der Stadt angekommen lassen wir unsere Passagiere im Zentrum aussteigen und machen uns auf den Weg zu unserem „Bi-Star-Mercedes Campingplatz“. 

Wir wollen nur den reparierten Kühler gegen einen neuen austauschen und die Motorhaube polieren lassen. Das sollte ja an einem Tag zu schaffen sein. Danach wollen wir wieder zum Issy-Kul fahren, wo die „First International Nomad-Games“ stattfinden. Fünf Tage werden dort Wettkämpfe im Ziegen-Polo, Ringen und anderen traditionellen Spielen abgehalten. Zum Beispiel gibt es einen Wettstreit zwischen Mann und Frau der folgendermaßen funktioniert: Erst versucht der Mann die Frau auf dem Pferd einzufangen und ihr einen Kuss auf die Backe zu drücken. Wenn ihm das in einer vorgegeben Zeit nicht gelingt, darf sie ihn danach mit der Peitsche jagen und solange auf ihn eindreschen bis die Zeit abgelaufen ist. Klingt doch nach einem großartigen Spektakel! Man darf gespannt sein…

*** Fortsetzung folgt ***

11. Oktober 2014

SOS Deutsch-Türkischer Übersetzer gesucht

Liebe Mitreisende, wie Ihr in einem vorherigen Post lesen konntet, hatten wir einen Unfall in Kasachstan. Leider ist die türkische Spedition nicht bereit den Schaden zu begleichen.

Wir haben bereits Hilfe von einem befreundeten Anwalt bekommen, der uns ein deutsches Mahnschreiben verfasst hat. Nun müssen wir das Schreiben ins türkische übersetzen. Da unser Budget durch den Unfall dezimiert wurde, würden wir gerne auf Übersetzungskosten verzichten.

 Nun sind wir auf Euch angewiesen. Wer kann uns das 2-seitige Schreiben ins türkische übersetzen??? Oder wer kennt jemanden, der einen Großcousin 3ten Grades hat, dessen Bruder eine Frau aus der Türkei geheiratet hat........ Wir wären wahnsinnig dankbar wenn uns jemand in dieser Sache helfen könnte.

Als Dankeschön bringen wir eine Portion echten türkischen Honig mit und unser Knut wird Euch auf ewig dankbar sein - Das ist doch mal was ;-) Wenn Ihr uns helfen könnt, schreibt uns bitte eine kurze Mail an
knut.en.route@gmail.com

 Euere Reisecrew

12. September 2014

Kasachstan Tag 126 - 138 / teures Steppenland

Gleich hinter den Grenztoren wartet eine zwielichtige Menge Geldwechsler auf uns, die unsere Dollar zu so einem unverschämt schlechtem Kurs wechseln wollen dass wir lieber ohne Kasachische Tenge im Geldbeutel nach der nächsten Tankstelle suchen. Es ist bereits stockdunkel als wir über die holprige Straße Richtung Norden fahren, in der Hoffnung eine Zapfsäule zu entdecken bevor der letzte Tropfen Diesel verbraucht ist. 

Nach ein paar zittrigen Kilometern taucht im Niemandsland eine kleine Siedlung mit Tankstelle auf und der Tankwart den wir dort antreffen ist unsere Rettung. Als er sieht dass wir Touristen sind überschlägt er sich fast vor Freude und setzt alle Hebel in Bewegung um uns zu helfen. Erst mal bekommt Knut endlich was zu trinken und bezahlen können wir mit Dollar. Das Restgeld bekommen wir in kasachischer Währung zurück, so dass wir sogar noch unseren eigenen Durst und Hunger stillen können. Glücklich und zufrieden laden wir den netten Tankwart zum Dank in das Café nebenan auf ein spätes Abendessen ein. 


Er ist ein wahrer Meister der Gesten, ein geborener Pantomime denn obwohl er kein Wort Englisch spricht und wir kein Kasachisch, unterhalten wir uns prima über unsere Familien, unseren Beziehungsstatus, die Reise, das Leben in Kasachstan und Deutschland u.s.w. 
Leider können wir uns seinen Namen nicht merken und taufen ihn einfach „Captain“ nachdem wir ihm Danny’s Mütze schenken.



So kommt es dass wir die Nacht an der Tankstelle verbringen und am nächsten morgen mit unserem neuen Freund die Familie seines Bruders auf dem Bauernhof besuchen.  Während Danny mit ihm Melonen und Kürbisse erntet stellen die Kinder mir alle Tiere vor.





Beladen mit einem Melonen Vorrat der uns für die nächste Woche reicht verabschieden wir uns von Kindern und Tieren um mit dem Captain Angeln zu fahren. Nach Danny’s bisherigen mäßigen Erfolgen haben wir wenig Hoffnung diesmal Fisch auf der Speisekarte zu haben. Aber ein Versuch ist es auf jeden Fall wert, vor allem da der Captain uns den besten Angel-Weiher der Gegend verspricht.



Auf dem Weg zum See hoffe ich dass er nicht übertrieben hat und am Ende der unglaublich staubigen Piste Millionen von hungrigen Fischen auf uns warten. Verstaubt und schwitzend machen wir uns in der größten Mittagshitze auf zum Ufer. 



Eigentlich dachten wir dass Fische am besten morgens und abends anbeißen, aber die Kasachische Gattung ist wohl vor allem mittags hungrig - denn kaum hält Danny den Haken mit dem Wurm in’s Wasser beißt auch schon das erste Fischchen an! 



Zugegeben ist er etwas klein geraten, aber in der nächsten halben Stunde beißen die Fischlein im Minuten-Takt an, so dass wir eine ordentliche Portion für’s Abendessen zusammen bekommen. Endlich mal ein richtiger Angel-Erfolg, auch wenn wir den Preis dafür noch zahlen werden...

Denn zurück im Dorf steuern wir als erstes eine Autowäsche an um Knut vom Dreck zu befreien. Dort erkennen wir erst das ganze Ausmaß der Steppen-Partie: Der feine Staub hat sich durch sämtliche Ritzen und Spalten seinen Weg in’s Innere des Autos gebahnt und sich überall niedergelassen: eine dicke gelbe Staubschicht bedeckt unser Bett, die Sitze, die Möbel… nicht einmal die Sachen in den Schränken sind verschont geblieben; kurz und gut: es ist ALLES dreckig!
Wir räumen das gesamte Auto aus, legen all unsere Habseligkeiten auf eine große Plastikplane und wischen jeden Gegenstand ab. Die Matratzen müssen ausgeklopft werden, das gesamte Mobiliar wird abgestaubt und in jeder Rille gestaubsaugt so gut es geht. Geschlagene 3 Stunden sind wir damit beschäftigt Knut wieder einigermaßen staubfrei zu bekommen - bei über 40°C keine besonders erfreuliche Arbeit.
Der Capitain packt tatkräftig mit an und wir laden ihn zum Dank auf ein Paar Spieße Schaschlik ein, bevor wir ihn anschließend nach Hause bringen und uns von ihm verabschieden. 



Auf unserem weiteren Weg Richtung Almaty schlafen wir neben einem Fluss und hauen die Fischlein in die Pfanne. Leider sind die kleinen Viecher alles andere als ein Gaumenschmaus und wir essen gerade mal die Hälfte vom Fang. Der Rest landet samt Panade und Entschuldigung im Fluss.



In unserem Reiseführer haben wir gelesen, dass man sich innerhalb von 3 Tagen in Kasachstan registrieren lassen muss. Ansonsten läuft man Gefahr ausgewiesen zu werden. Wir machen also Halt in der nächsten Stadt Shymkent, um uns den besagten Stempel zu besorgen. Doch wo und wie genau, das sagt der Reiseführer uns nicht, so dass wir ziemlich Plan- und Orientierungslos durch das Stadtzentrum latschen. Plötzlich spricht uns ein junger Mann in perfektem Deutsch an und bietet uns seine Hilfe an. Welch glücklicher Zufall, denn ohne ihn wären wir wahrscheinlich noch Stunden lang herumgeirrt. Er findet im Handumdrehen die Telefonnummer des Immigrationsbüros heraus und erkundigt sich, wie wir weiter vorgehen müssen. Wie sich herausstellt ist die Sache mit der Registrierung Schnee von gestern und wir müssen uns nicht weiter die Hacken wund laufen. Stattdessen verbringen ein paar Stunden im Gespräch mit unserem Retter. Er hat fünf Jahre lang in Aachen Raumfahrttechnik studiert, bevor er aus gesundheitlichen Gründen zurück nach Kasachstan musste. Mittlerweile ist sein Stipendium und damit auch seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen, obwohl er sein Studium noch nicht beendet hat. Wir drücken ihm fest die Daumen dass er ein Folge-Stipendium bekommt, denn sein Herz schlägt stark für unsere Deutsche Heimat und er wünscht sich nichts mehr als dorthin zurückkehren zu können. 


Die nächsten zwei Tage sind wir fast ununterbrochen am Autofahren um nach Almaty, der ehemaligen Hauptstadt Kasachstans zu kommen. Die Straßen sind mal wieder alles andere als erfreulich; in vielen Abschnitten wird gebaut und die Umleitungen gehen quer über bucklige Sandpisten. 



Erwähnenswert sind die Parkplätze neben den Hauptstraßen: hier findet man überall Rampen mit einem Graben in der Mitte, so dass man Pannen am Auto unterwegs selber reparieren kann. Bei den vielen alten Karren die hier unterwegs sind, ist das wahrscheinlich auch notwendig. 


Was uns allerdings sehr erfreut ist die Begegnung mit zwei Oldtimer LKWs aus Holland. 




Die vier Herren haben sich ihren Traum erfüllt und sind mit ihren wirklich außergewöhnlichen Wagen bis nach Beijing gefahren.


Am selben Tag schleppen wir noch einen netten jungen Mann ab, dessen Auto den Geist aufgegeben hat und verdienen uns damit eine leckere Suppe zum Mittagessen. 



Abends finden wir einen Stellplatz mit wunderschön kitschigem Sonnenuntergang an einem kleinen See. Eine herrlich romantische Idylle. 




Bis Danny mich mitten in der Nacht aufweckt und ich den bestialischen Gestank bemerke der sich überall breit gemacht hat. Der See verwandelt sich scheinbar des Nachts in eine riesige Kloake. Es stinkt noch viel schlimmer als damals am türkischen Bafa-Gölu und an weiter schlafen ist nicht mehr zu denken.  

So kommt es dass wir um 2:00 Uhr nachts zurück auf der Autobahn sind und weiter Richtung Almaty gurken. Allerdings nur bis die Müdigkeit uns doch übermannt und wir auf einen ruhigen Feldweg neben der Hauptstraße abbiegen. Als ich morgens die Schiebetür öffne schwärmen tausende Fliegen an mir vorbei und machen es sich im Knut gemütlich. Kurz darauf kann ich den Grund für die Invasion riechen: wir parken direkt neben einem Klohäuschen! Das nennt man dann wohl eine echt beschissene Nacht. 



Nachmittags erreichen wir endlich die alte Hauptstadt Almaty, wo wir ein paar notwendige Besorgungen machen und uns ein ziemlich luxuriöses Mittagessen in einem Biergarten genehmigen. Zumindest sind die Preise sehr luxuriös - die Schaschlik-Spieße schmecken eigentlich genauso wie überall sonst. 



Nach der langen Fahrerei der letzten Tage gönnen wir uns ein paar erholsame Tage in den Bergen südlich der Stadt. Die Gegend erinnert uns stark an die Alpen und wir bekommen fast ein bisschen Heimweh nach unserem schönen Bayern.



Nur die Wanderwege hier sind… naja, sagen wir etwas liebloser als daheim: um an einen hoch gelegenen Bergsee zu gelangen folgen wir drei Stunden lang einer riesigen Wasserleitung die schnurstracks den Hang hinauf führt. Die meisten Einheimischen erklimmen den Berg sogar AUF dem monströsen Rohr, das ist uns dann aber doch zu wenig naturverbunden. 
Der Ausblick auf den See entschädigt uns später für den langweiligen Aufstieg, zumindest für einen kurzen Moment - denn als wir am Ufer unsere Brotzeit auspacken wollen, werden wir umgehend von einem Polizisten und seiner schrillen Trillerpfeife vertrieben.



Auf dem Schild, das wir natürlich übersehen haben weil wir es sowieso nicht lesen können, steht anscheinend dass man sich dem See nicht nähern darf. Später erfahren wir auch den Grund dafür: Wir befinden uns hier im Grenzgebiet zum Nachbarland Kirgistan und das darf man nur mit einer Sondererlaubnis betreten. In diesem Moment vermissen wir Bayern und unser grenzenloses Europa noch ein bisschen mehr. 

Nun gut, das mit dem Wandern lassen wir danach bleiben und hängen die nächsten zwei Tage gemütlich am Fluss ab. 



Wie immer gibt es ein paar Kleinigkeiten am Auto zu reparieren. Dieses mal versucht Danny die Zentralverriegelung wieder in Gang zu kriegen.

Als wir all unsere Vorräte aufgegessen haben und uns ein bisschen öde wird, fahren wir zurück in die Stadt. Wir schlendern durch die Straßen und staunen über die vielen Luxus-Boutiquen, die teuren Cafés und die modernen Gebäude. Im Supermarkt sind wir anhand der riesengroßen Auswahl fast ein bisschen überfordert. Es gibt Unmengen importierte europäische Waren, zu Preisen dass wir mit den Ohren schlackern. Nach all den günstigen Ländern die wir in den letzten Monaten bereist haben schockiert uns der Kassenbon geradezu. 

Mit vollem Kühlschrank und leerem Geldbeutel machen wir uns später auf den Weg Richtung Norden. Wir wollen zu einem großen See der laut Reiseführer wie ein kleines Meer sein soll - hohe Dünen, lange Sandstrände, perfekte Badetemperatur… klingt gut! 



Wie wir gleich bei der Ankunft erfahren ist es vor allem sehr, sehr sandig - fast ein bisschen zu sandig findet Knut und fährt sich auf dem Weg zum Strand glatt in der Düne fest.



Kein Problem denken wir, dafür haben wir ja die Sandbleche auf dem Dach, endlich kommen die Dinger mal zum Einsatz. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht… Beim ersten Versuch kommen wir zwar ein Stück vorwärts und die Reifen sind wieder frei, allerdings gibt es keine Möglichkeit zu Wenden. Wir müssen also rückwärts noch mal durch die selbe weiche Stelle und fahren uns dabei noch schlimmer fest als beim ersten mal. 
Zwei junge Kerle kommen dazu und versuchen uns mit gut gemeinten Ratschlägen, kraftvollem Anschieben und ein paar Bier zu helfen. Doch beim dritten Versuch die Stelle rückwärts zu passieren driften wir gefährlich nahe an den Rand der Düne, so dass Knut in bedenklicher Schräglage zum Stehen kommt und nun komplett auf dem Sand aufsitzt. Jetzt ist klar: hier kommen wir alleine nicht mehr raus! 
Unsere Helfer rufen einen befreundeten LKW Fahrer an, der wenig später mit seinem 6x6 KAMAZ die Dünen durchpflügt und Knut im Handumdrehen aus der misslichen Lage befreien kann. Seit dem wird jeder vorbeifahrende KAMAZ bewundert und Danny träumt davon selber mal so einen russischen Super-Truck zu fahren. 

Zumindest hat sich das Abenteuer gelohnt: Die folgenden Tage die wir am See verbringen sind traumhaft schön. Der Strand ist Kilometerlang und perfekt für ausgiebige Spaziergänge, Grillabende, Frisbee-Turniere und eine weitere Auto-Teile-Reperatur… Einfach sau-gemütlich! 







Danach haben wir genug gesehen von Kasachstan und beschließen uns auf den Weg nach Kirgistan zu machen, wo Berge, Seen und wilde Pferde auf uns warten.



Kurz vor dem Grenzübertritt steuern wir noch eine Tankstelle an, um noch einmal vom günstigen Dieselpreis zu profitieren. Wir stellen uns in die Warteschlange hinter einen türkischen LKW, träumen von den tollen Naturerlebnissen die uns bevorstehen, als der Fahrer vor uns plötzlich den Rückwärtsgang einlegt und…. 

*** was danach geschah wisst ihr ja bereits*** 

An dieser Stelle muss mal gesagt werden dass wir unsere Reise nach wie vor in vollen Zügen genießen. Von den paar unvorhergesehenen Zwischenfällen lassen wir uns nicht verrückt machen, auch wenn sie im ersten Moment vielleicht wie eine Katastrophe erscheinen. Aber es findet sich immer ein Weg die Probleme zu regeln und meistens ist es sogar so, dass uns ein unplanmäßiges Abenteuer direkt zu einer unerwartet schönen Situation führt. Wir nehmen's wie die Fische im Wasser und schwimmen einfach mit der Strömung!

Ach ja, eines noch: Mittlerweile haben wir schon über 11.000 Seitenaufrufe auf unserem Blog gehabt! Es freut uns riesig dass wir so viele treue "Mitreisende" haben. 


Kleines statistisches Zwischenfazit nach 132 Tagen:

  • besuchte Länder: 9
  • gefahrene Kilometer: 15.000 km
  • Werkstattbesuche: zu viele! (ca. 14, wir haben aufgehört mitzuzählen) 
  • Pannen: 0 
  • Festgefahren: 1
  • Unfälle: 1
  • Polizeikontrollen: 25 (1 mal in der Türkei, 6 mal im Iran, 5 mal Turkmenistan, 8 mal in Usbekistan, 5 mal in Kasachstan)
  • kriminelle Zwischenfälle: 1